Vom Sichtbarmachen der Seele.

Grundsätzliche Überlegungen zum Thema Handwerk heute.

In einer erstrebenswerten Zukunft müssen wir ganz bewusst dem Tun vor dem Verbrauchen den Vorzug geben.“  Ivan Illich, 1971  

 

Als die Dörfer und Städte noch weitgehend autarke Lebens- und Wirtschaftsräume waren, wusste jedes Kind, wo die Gegenstände des Alltags herkamen und oft kannte man die einzelnen Produzenten persönlich. Darin lag eine gesellschaftliche Qualität, denn das Miteinander und das gegenseitige Ergänzen in den Talenten wurden den Menschen tagtäglich vor Augen geführt. Im Laufe des Industriezeitalters, als die Herstellung von Dingen  aus den privaten Dorfwerkstätten abgezogen und zentralisiert in riesige Hallen verlagert wurde, stand plötzlich auf deren Einfahrtstore: „Zutritt für betriebsfremde Personen strengstens verboten!“  So ist es seither fast zum Privileg geworden, wenn man ein paar Mal im Leben durch besondere Umstände die Erlaubnis bekommt, hinter die Kulissen eines Erzeugerbetriebes schauen zu dürfen. In dieser Abgeschiedenheit und (heute meist transkontinentalen) Anonymität haben wir aber auch fast vergessen, dass Dinge nicht nur Wirtschaftsfaktoren und Preiskampfgegenstände sind, die letztlich nur produziert werden, um möglichst bald zu veralten, zu verschleißen, „verbraucht“ zu sein. Immerhin verspüren wir in unserem global attackierten Gewissen noch ein dumpfes Unbehagen, wenn wir daran denken, dass sich die Absicht der Konzerne erst dann erfüllt, wenn die erzeugte Massenware in möglichst kurzen Zyklen die Müllhalden erreicht und dass der Preis für Wachstum in Form eines sündhaften Verschwendungsprinzips zu bezahlen ist. Viel wohler fühlen wir uns daher bei der Erinnerung, dass einst unmittelbar hinter den Dingen ein nahbarer Mensch stand, eine Persönlichkeit mit Charakter, ein Könner, und dass wir als Nutzer und Anwenderinnen der Produkte mit deren Produzenten in einer Dreiecksbeziehung lebten. Eine mögliche Wortwurzel von „Produkt“ könnte pro ducere  – „für das Herausführen“ sein. Das Wesen des handwerklichen Produktionskreislaufes zeigt sich kurzgefasst darin, dass der Mensch die Vorstellung, das innere Bild, von einem Gegenstand mittels der Kunstfertigkeit seiner Hände „herausführt“, zu begreifbarer Materie werden lässt, um schließlich seinem Nächsten dadurch einen Dienst zu erweisen. Auch das Wort „Gegenstand“ beschreibt im Übrigen ein partnerschaftliches Prinzip: auf der einen Seite steht das Produkt, dessen „Gegen(über)stand“ bildet der Mensch, der Auctor, der Schöpfer, der Mehrer, und umgekehrt.In Folge dieser Überlegungen gelangen wir zu einer neuen Welt der Nicht-Wegwerf-Dinge und entdecken auch, dass wir im Nicht-Wegwerfen hauptsächlich uns selber einen Gefallen tun. In Anbetracht eines veritablen „Schöpfers“ wird uns bewusst, dass wir auch Gegenständen ein Mindestmaß an Respekt und Wertschätzung schuldig sind, denn schließlich handelt es sich dabei um nichts Geringeres als um die „herausgeführte“ oder „sichtbar gewordene Seele“ unserer Mitmenschen. Wenn uns jemand in seinem Tun begeistert, dann sagen wir gerne: er oder sie macht das oder jenes mit „Herzblut“, und verwenden dadurch bloß ein anderes Wort für jene Faszination, die „sichtbar gewordene Seele“ in uns auslöst. Nicht zufällig wird dieses Bild oft auf Handwerker oder Künstler angewendet, weil gerade sie es sind, die uns in Form ihrer Werke innere Bilder - und somit ein Stück ihrer Seele - anvertrauen. In diesen „Gegen(über)ständen“ spiegeln sich wiederum Facetten unserer eigenen Seele und es entsteht Kommunikation jenseits des Aussprechbaren. Und es geht plötzlich überhaupt nicht mehr darum, was die Dinge kosten, wer sie wo auf der Welt möglicherweise billiger machen würde und wann das nächste Angebot das derzeitige toppen würde. Durch „pro-duciertes“ Herzblut fühlen wir uns einfach „angesprochen“, innerlich berührt – und von diesen inneren Berührungen nährt sich unser aller Wohlbefinden. Sie geben uns die einfache Gewissheit, dass wir dicht am Leben sind und lassen uns zur Ruhe kommen. Wenn wir Bewusstsein und infrastrukturelle Voraussetzungen für dieses feinsinnige Wechselspiel zwischen Psyche und Physis schaffen,investieren wir in eine friedfertige Zukunft.

 

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Epilog: Schon in der Antike stand der hinkende, nicht kriegstaugliche Schmied Hephaistos als Patron für das Nützliche, Friedenstiftende und Schöne am Handwerk. Pandora hingegen verführte die Menschen mit den Wunderkünsten ihrer berühmten Büchse zu kurzfristigen Genüssen, Erfolgen und Geschäften, hinter denen oft aber das Verderben lauerte. Ihre Patronanz hat in unserer Zeit deutliche Spuren hinterlassen - freilich nicht nur verderbliche. Aber dennoch scheint auch die Zahl derer zu wachsen, die sich gerne vom langmütigen Geist des Hephaistos inspirieren lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Der Mensch spielt,

und er weiß,

dass er spielt,

und das Spiel ist

unvernünftig.

 (Jan Huizinga, 1932)