Novum Testamentum?


Ist es nicht blasphemisch, ein sinnliches Vergnügen mit biblischen Begriffen zu apostrophieren? Ungeachtet  dieser Frage suggerierte uns Hans von Bülow pathetisch, Beethovens Klaviersonaten nähmen eine paradigmatische Position ein, die nur mit terminologischen Superlativen annähernd zu erfassen sei: „Neues Testament der Klavierliteratur“ – Testamentum. Der Letzte Wille.  – Wäre Beethoven für einen Moment zurück auf dieser Erde, drängte ihn vielleicht die Frage: was ist da schief gelaufen, dass man diese 32 Mikrokosmen nun einfach subsummiert als meinen „Letzten Willen“, ja sogar als abgeschlossene Verfügung über die gesamte Klaviermusik der Neuzeit? Beethoven sinniert weiter: Man hat mich also gründlich missverstanden, denn: habe ich zu wenig deutlich gezeigt, dass ge- und beschlossene Systeme der Kunst weniger dienen, als dass sie ihr größter Feind sind?  Konnte ich zu wenig veranschaulichen, dass ich mich nicht als Messias sah, der einen Alten Bund beschloss? Okay – zugegeben: Ich habe manchmal ein bisschen so getan, als sei ich Gott. Meine große Begabung, die ich jeden Tag meines Lebens spürte, hat mich in guten Zeiten gelegentlich zu starken Sprüchen verleitet.  Aber vielmehr war mein Kunstschaffen ein ernstes Ringen, eine mühevolle Arbeit, ein leidenschaftlicher Prozess.

Ich habe mich mit großem Ernst der Kunst der Alten, der Polyphonie, gewidmet. Um Gottes Willen aber nicht deshalb, um Vater Bach zu verbessern. Im Gegenteil: ich war so begeistert von der Kraft der alten Formen, dass ich ihr die schönsten Kleider komponieren wollte, um sie – getarnt als etwas Neues – in die Neue Zeit herüberzuretten.  Mozarts Klavierspiel mochte ich nicht, aber seine Kompositionen – die lagen vergilbt und mit starken Gebrauchsspuren auf meinen Klavieren herum, so haben sie mich fasziniert. Der junge Schubert Franzl. Der war ja so schüchtern, dass wir kaum ins Gespräch kamen. Aber über ihn hätte ich dasselbe gesagt, was der Mozart seinerzeit über mich gesagt hat: auf ihn gebt acht, etc. Wir waren jedenfalls alle durchdrungen von einer großen Liebe, voll gegenseitigem Respekt, individuell, haben auch Manches verfügt – aber nie testamentarisch.

Ach ja, die Nachgeborenen: wie ich hörte, gab es da leichte Probleme, weil mich die Kollegen offenbar mehr als starken Sprücheklopfer, denn als personifizierte Veränderung in Erinnerung behielten. In diese Zeit fiel wohl auch die Schmeichelei mit dem Neuen Testament. Als ich 1945 Bela Bartok am Totenbett sagen hörte: „es tut mir leid, dass ich mit vollem Gepäck scheiden muss“, erinnerte ich mich an meine Pläne zur 10. Sinfonie und versichere euch, dass ich bei meinem irdischen Abgang – ähnlich vielen KollegInnen – noch unzählige Koffer in meinem Gepäck hatte, deren Inhalt ich nicht kannte.

Also, nochmals vielen Dank, Herr von Bülow, für das gut gemeinte Kompliment, aber Sie ehren mich mehr, wenn Sie es weglassen. Außerdem wäre vielleicht das  „Neue Testament“ inzwischen auch schon ein „Alter Hut“.  – Es sei denn, ihr erinnert euch an meine Vorliebe für das Alte? Wenn ihr es mir gleich tun wollt, dann interpretiert dem Alten Hut doch die schönsten Kleider herum und ihr werdet ihn – getarnt als etwas Neues – in die Neue Zeit herüberretten, .... vielleicht als Schutz vor jenem sauren Regen, den wir noch nicht kannten?

 

 

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